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Kochschule 11 Min. Lesezeit

Sauerteig ansetzen und verstehen, was im Glas passiert

Aus Mehl und Wasser wird in etwa einer Woche ein Sauerteig, mit dem Du Brot backen kannst. Am zweiten Tag schäumt der Ansatz oft, am dritten bleibt er flach. Der Grund ist, dass im Glas nacheinander verschiedene Keime die Oberhand gewinnen.

Auf einen Blick

  • Dauer:rund eine Woche, bis sich der Ansatz nach jedem Füttern zuverlässig verdoppelt
  • Du brauchst:Roggenvollkornmehl, lauwarmes Wasser, ein sauberes Glas und einen Platz mit 25 bis 30 °C
  • Tag 3:Bleibt der Ansatz flach, wechseln meist gerade die Keime. Warm halten und weiterfüttern.
  • Neu anfangen:bei Schimmel, bei Geruch nach faulen Eiern oder wenn sich 72 Stunden lang nichts regt

Was im Glas lebt: Milchsäurebakterien und wilde Hefen

Ein Sauerteig ist eine Lebensgemeinschaft aus Milchsäurebakterien und Hefen, die mit dem Mehl ins Glas kommen. Enzyme im Mehl bauen Stärke zu Zucker ab, und davon leben beide Gruppen. Die Hefen bilden daraus Kohlendioxid, ein Gas, das später Deinen Brotteig lockert. Die Milchsäurebakterien bilden Milchsäure, und manche von ihnen bilden zusätzlich Essigsäure.

Die Säure bestimmt, welche Keime im Glas bleiben. Je saurer der Teig wird, desto stärker werden Keime gebremst, die Säure nicht vertragen, während die Milchsäurebakterien aktiv bleiben. Auf dieselbe Weise werden auch Sauerkraut und Joghurt sauer und haltbar, mehr dazu im Artikel über Fermentieren.

Aus keinem Lebensmittel wurde bisher eine solche Anzahl unterschiedlicher Mikroorganismen isoliert.

– Markus J. Brandt, Mitautor des „Handbuch Sauerteig“, Wissensforum Backwaren (öffnet in neuem Tab)

Warum der Ansatz an Tag 3 flach bleibt

Am zweiten Tag schäumt der Ansatz oft und steigt weit im Glas nach oben, am dritten bleibt er flach und riecht streng. Das liegt daran, dass anfangs andere Keime vorherrschen als in Deinem fertigen Sauerteig. Zuerst vermehren sich Enterobakterien, die mit dem Mehl ins Glas kommen und Säure schlecht vertragen. Sobald der Teig saurer wird, verdrängen verschiedene Milchsäurebakterien sie. Im fertigen Sauerteig überwiegen schließlich die Milchsäurebakterien, die auch viel Säure aushalten: die Laktobazillen.

Auch bei den Hefen lösen andere die ersten ab, denn die Hefen der ersten Tage vertragen die steigende Säure nicht. Säurefeste Hefen brauchen laut dem Brotbuchautor Lutz Geißler 30 bis 50 Stunden, bis sie den Ansatz wieder sichtbar aufgehen lassen, und so lange bleibt er flach.

Wer im Glas die Oberhand hat

Die ersten zehn Tage eines Roggensauerteigs, schematisch: Je dicker ein Balken, desto größer ist ungefähr der Anteil dieser Gruppe. Um Tag 3 lösen säurefeste Hefen die ersten ab.

Quelle: Schematisch nach Khlestkin u. a. (2022) für Roggensauerteig und Plötzblog für die Hefen, eigene Darstellung (öffnet in neuem Tab)

Was die Grafik zeigt

Die Grafik zeigt schematisch, welche Keime in einem frisch angesetzten Roggensauerteig vorherrschen, Tag 1 bis Tag 10.

  • Enterobakterien (säureempfindlich): anfangs stark vertreten, bis etwa Tag 3 verdrängt
  • Verschiedene Milchsäurebakterien: nehmen bis Tag 3 zu, dominieren etwa bis Tag 6 und werden dann weniger
  • Laktobazillen (säurefest): wachsen stetig und stellen nach gut einer Woche den größten Anteil
  • Hefen: Die ersten Hefen verschwinden um Tag 2 bis 3. Bis säurefeste Hefen genug Gas bilden, können 30 bis 50 Stunden vergehen, danach nehmen sie stetig zu.
  • Säure im Glas: steigt vom ersten Tag an

Tag 3 ist markiert: Hier bleibt der Ansatz häufig flach.

Sauerteig ansetzen Tag für Tag

  1. Schritt 1: Ansatz anrühren

    Tag 1

    50 g Roggenvollkornmehl und 50 g lauwarmes Wasser in einem sauberen Glas verrühren, locker abdecken und 24 Stunden bei 25 bis 30 °C stehen lassen.

  2. Schritt 2: Erstes Füttern

    Tag 2

    50 g Mehl und 50 g Wasser dazugeben, gut verrühren und wieder 24 Stunden warm stellen.

  3. Schritt 3: Weiterfüttern, auch wenn er flach bleibt

    Tag 3

    Noch einmal 50 g Mehl und 50 g Wasser einrühren, auch wenn der Ansatz flach bleibt oder streng riecht.

  4. Schritt 4: Auf wenig Ansatz reduzieren

    Tag 4

    20 g vom Ansatz abnehmen und mit 50 g Mehl und 50 g Wasser in einem frischen Glas verrühren. Den Rest bewahrst Du im Kühlschrank auf, bis der neue Ansatz gut aufgeht.

  5. Schritt 5: Täglich füttern, bis er reif ist

    ab Tag 5

    Jeden Tag wie an Tag 4 füttern, bis sich der Ansatz nach dem Füttern zuverlässig verdoppelt und angenehm säuerlich riecht.

Woran Du erkennst, dass Dein Sauerteig fertig ist

Fertig ist der Sauerteig, sobald er sich nach jeder Fütterung zuverlässig verdoppelt und angenehm säuerlich riecht. Als Maßstab nennt Geißler eine einfache Probe: Du fütterst 5 g des Ansatzes mit je 50 g Mehl und Wasser. Bei 30 °C sollte er sich dann nach spätestens acht Stunden verdoppelt haben. Wenn Deine Küche kühler ist, dauert es länger.

Ab Tag 4 fütterst Du nur noch wenige Gramm des Ansatzes weiter. Weil diese kleine Menge viel frisches Mehl bekommt, müssen sich die Keime stark vermehren. Dabei setzen sich die durch, die schnell wachsen und Säure vertragen.

Heller, feinporiger Sauerteig-Ansatz in einer weißen Schüssel

Roggen oder Weizen: Warum Roggenbrot Säure braucht

Weizenbrot bekommt durch Sauerteig vor allem Geschmack, Roggenbrot braucht vor allem seine Säure. Weizenteig hält das Gas in einem elastischen Netz aus Eiweiß fest, dem Klebergerüst. Im Roggenteig verhindern Schleimstoffe, die Pentosane, dass sich ein solches Netz bildet. Im Roggenbrot halten stattdessen gequollene Pentosane und Stärke das Innere zusammen, die Krume. Die Stärke quillt dabei im Ofen auf und wird fest.

Roggen enthält außerdem viel von einem Enzym, das Stärke abbaut, der Amylase. Ist viel davon im Mehl, zerlegt sie ohne Säure beim Backen die aufquellende Stärke, und das Brot wird klitschig. Am stärksten wirkt die Amylase in leicht saurem Teig, bei einem pH-Wert von 5 bis 5,5. Die Säure des Sauerteigs senkt den pH-Wert darunter, sodass die Amylase kaum noch Stärke abbaut. Außerdem binden die Pentosane in saurem Teig mehr Wasser, und das Brot lässt sich besser schneiden. Welches Mehl welche Eigenschaften hat, erklärt der Artikel über Mehltypen.

Roggen- und Weizensauerteig im Vergleich

Beide setzt Du gleich an, nur mit Roggen- oder Weizenvollkornmehl. Einen fertigen Roggensauerteig kannst Du auch mit einigen Fütterungen auf Weizen umstellen.

Merkmal Roggensauerteig Weizensauerteig
Rolle der Säure nötig, damit das Brot nicht klitschig wird vor allem für das Aroma
Anteil des Mehls, der im Sauerteig steckt 30 bis 50 % 5 bis 20 %
Geschmack kräftig säuerlich mild

Quelle: Plötzblog: Bäckerlatein Sauerteig (öffnet in neuem Tab)

Sauerteig oder Hefe: Was der Unterschied fürs Brot bedeutet

Backhefe ist eine gezüchtete Hefe, die schnell und verlässlich Gas bildet, aber kaum Säure. Sauerteig liefert Gas und Säure, braucht dafür aber mehr Zeit. Seine Milchsäurebakterien bilden je nach Stamm außerdem Stoffe, die Schimmelpilze bremsen. Deshalb sind Sauerteigbrote laut dem Sauerteigexperten Markus Brandt im Allgemeinen länger haltbar.

Oft stecken beide im selben Teig: Der Sauerteig liefert dann vor allem Säure und Aroma, die Backhefe lässt den Teig aufgehen. Wie Hefe den Teig lockert, erklärt der Artikel über Hefe.

Angeschnittenes Sauerteigbrot mit kräftiger Kruste und luftiger Krume auf einem Holzbrett

Temperatur: Wärme macht Sauerteig mild, Kühle macht ihn säuerlich

Mit der Temperatur steuerst Du, wie sauer Dein Brot wird. Im Sauerteig leben zwei Gruppen von Milchsäurebakterien. Die einen bilden nur Milchsäure und wachsen am besten, wenn es warm ist. Die anderen bilden zusätzlich Essigsäure und bevorzugen kühlere Temperaturen. Warm gehaltener Sauerteig ergibt deshalb ein mildes Brot, kühl gehaltener ein säuerlich-herbes. Ähnlich wirkt der Wassergehalt: Wenn der Sauerteig weich ist, wachsen vor allem die Milchsäurebildner, in festem Sauerteig die Essigsäurebildner.

Bei welcher Temperatur welche Bakterien wachsen

  • Milch- und Essigsäure: säuerlich-herbes Brot: 20–27 °C
  • nur Milchsäure: mildes Brot: 30–35 °C
In diesen Bereichen wachsen die beiden Bakteriengruppen am besten. Daneben steht, wie das Brot dann wird. Quelle: Plötzblog: Bäckerlatein Sauerteig (öffnet in neuem Tab)

Anstellgut pflegen: Kühlschrank und Auffrischen

Damit Du nicht vor jedem Brot von vorn anfangen musst, bewahrst Du einen kleinen Teil Deines fertigen Ansatzes im Kühlschrank auf. Aus diesem Vorrat, den Bäcker Anstellgut nennen, setzt Du vor dem Backen den Sauerteig für den Brotteig an.

Geißler füttert sein Anstellgut einmal pro Woche mit frischem Mehl und Wasser, auch wenn er nicht backt. Für dieses Auffrischen verrührt er 5 bis 10 g Anstellgut mit je 50 g Roggenmehl und warmem Wasser. Danach stellt er es warm, und sobald es um gut die Hälfte gewachsen ist, kommt es zurück in den Kühlschrank. Willst Du damit backen, wartest Du, bis es sich verdoppelt hat. Hat das Anstellgut länger gestanden, nimmst Du beim Auffrischen weniger davon.

Brotteig mit Mehlrillen in einem Gärkörbchen
Aus wenigen Gramm Anstellgut wird der Sauerteig, aus ihm der Brotteig im Gärkörbchen.

Schimmel, Kahmhefe, Flüssigkeit: Was Dein Sauerteig Dir zeigt

Die meisten Zeichen bedeuten, dass der Sauerteig frisches Mehl braucht. Neu anfangen musst Du bei Schimmel, bei Fäulnis und wenn sich ein neuer Ansatz 72 Stunden lang nicht regt.

Zeichen Woran Du es erkennst Was Du tust
Schimmel pelzige, runde Flecken in Weiß, Grün oder Schwarz, oft am Glasrand oder Deckel ganzes Glas entsorgen, abschöpfen reicht nicht
Kahmhefe faltig-wellige, weißliche Haut ohne Flaum großzügig abheben, mit Sauerteig aus der Tiefe auffrischen
Flüssigkeit obenauf gräuliche Schicht aus dem Alkohol der Hefen einrühren und füttern
Riecht nach Nagellack stechender Geruch, weil die Keime ihr Futter aufgebraucht haben auffrischen, dann riecht er wieder säuerlich
Geht nicht auf keine Blasen, kein Wachstum wärmer stellen und Zeit geben; nach 72 Stunden ohne Regung neu anfangen
Riecht nach faulen Eiern fauliger Geruch von Fäulnisbakterien neu anfangen

Zwei Irrtümer rund um den Sauerteig

  • Mythos

    Ein stiller Ansatz an Tag 3 ist tot.

    Fakt

    Meist lösen gerade säurefeste Hefen die ersten ab, und das kann 30 bis 50 Stunden dauern. Halte den Ansatz warm und füttere weiter. Neu anfangen musst Du erst, wenn er sich 72 Stunden lang nicht regt.

  • Mythos

    Ohne Sauerteig lässt sich gar kein Roggenbrot backen.

    Fakt

    Heutige Roggenmehle enthielten weniger stärkeabbauende Enzyme, deshalb gehe es grundsätzlich auch ohne Säure, schreibt Brandt. Solche Brote fänden aber kaum Anhänger, weil ihre Krume wenig elastisch und ihr Aroma schwach sei.

Vom Sauerteig zum Brot

Dein Brotrezept im Kochmodus

Vom Auffrischen bis zum Backen dauert ein Sauerteigbrot viele Stunden. Speichere Dein Lieblingsrezept in Deiner Kochwelt, egal ob es aus einem Blog, einem Video oder Omas Notizbuch stammt, und back es Schritt für Schritt nach.

  • check Display bleibt an, auch mit Teig an den Fingern
  • check Schritte abhaken und über viele Stunden den Überblick behalten
  • check Mengen umrechnen, wenn Du zwei Laibe statt einem backst
  • check Rezepte per Link, Foto oder Text importieren
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Häufige Fragen zum Sauerteig

check Wie lange dauert es, einen Sauerteig anzusetzen? expand_more

Rechne mit ungefähr einer Woche. Fertig ist er, wenn er sich nach jedem Füttern zuverlässig verdoppelt und angenehm säuerlich riecht. In einer kühlen Küche kann es länger dauern.

check Welches Mehl eignet sich zum Ansetzen? expand_more

Roggenvollkornmehl ist für den ersten Sauerteig die sicherste Wahl, weil ein Roggenansatz als besonders robust gilt. Für einen Weizensauerteig nimmst Du Weizenvollkornmehl oder stellst einen fertigen Roggensauerteig mit einigen Fütterungen um.

check Kann ich einen Sauerteig mit Schimmel retten? expand_more

Nein. Schimmelpilze können Giftstoffe bilden, die auch beim Backen erhalten bleiben, deshalb gehört das ganze Glas in den Müll. Eine faltig-wellige, weißliche Haut ohne Flaum ist dagegen meist Kahmhefe, die Du großzügig abheben kannst.

check Warum riecht mein Sauerteig nach Nagellack? expand_more

Er braucht frisches Mehl. Die Keime haben ihr Futter aufgebraucht, und beim längeren Stehen sammeln sich Alkohol und Säure an. Frisch ihn auf, danach riecht er wieder angenehm säuerlich.

check Was ist der Unterschied zwischen Anstellgut und Sauerteig? expand_more

Das Anstellgut ist der Vorrat, der im Kühlschrank lagert. Den Sauerteig setzt Du vor dem Backen aus etwas Anstellgut, Mehl und Wasser an, und er kommt anschließend in den Brotteig.

check Wie oft muss ich Anstellgut im Kühlschrank füttern? expand_more

Lutz Geißler frischt sein Anstellgut einmal pro Woche auf, auch wenn er nicht backt. Hat es länger gestanden, nimmst Du beim Auffrischen weniger davon und gibst ihm mehr Zeit.

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